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Konzeption von Astronomie in Platons Staat PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, 20. Juni 2012 um 17:20

Engin Erkiner: 1. EINFÜHRUNG

 

Das Thema dieser Arbeit ist die Konzeption von Astronomie – Interpretation und Diskussion zu 527d-530d, in Platons Staat im Buch 7 bei der Rufener Ausgabe.

Interpretation und Rekonstruktion des Textes beinhalten folgende Punkte:

Sokrates (Platon) hat die Anwendung der Astronomie zweigeteilt: die praktische Astronomie und die Andere. Viele Menschen kennen nur die erste Anwendung aber nicht die Andere.

Die andere Anwendung der Astronomie hat für Platon eine genauso große Bedeutung (Reinigung der Seele) wie die anderen Lehrfächer.

Platon sieht die Astronomie als einen Teil der Geometrie.

Nach der Rekonstruktion des Textes erörtere ich drei Interpretationen über die Wichtigkeit der Beobachtung bei der platonischen Astronomie.

Die vorliegende Arbeit endet mit einer Schlussfolgerung.

 

 

2. INTERPRETATION UND REKONSTRUKTION DES TEXTES

 

 

Es gibt zwei Nutzung der Astronomie. Platon nannte diese als praktische Nutzung und andere Nutzung.

Bei der praktischen Nutzung sind die Monats- und Jahreszeiten genaue festgelegt, die nicht nur für die Landwirtschaft und Seefahrt Vorteile mitbringen, sondern auch für die Kriegsführung. (527c)

Die andere Nutzung der Astronomie hat eine komplexe Bedeutung, davon haben viele Leute kein Verständnis. Sie kennen nur die praktische Nutzung und betrachten die Weitere als nicht nützlich. Diese Betrachtung ist nicht nur für die weitere Nutzung der Astronomie, sondern für alle Lehrfächer (Arithmetik, Geometrie, Streometrie und Harmonilehre) von Bedeutung. In der Realität ist die “unpraktische Nutzung” der anderen Astronomie für die Lehrfächer bei der Suche nach Wahrheit wichtig.

 

“... diese Lehrfächer ein bestimmtes Organ in der Seele eines jeden reinigen und wieder beleben, das durch die Beschäftigung mit anderen Dingen verdorben und blind gemacht wird, während doch seine Erhaltung wichtiger wäre als die von zehntausend leiblichen Augen. Dann allein mit seiner Hilfe kann man die Wahrheit schauen.” (527d, Rufener, S. 320)

 

Platon vertritt die Auffassung, dass die andere Nutzung der Astronomie erklärt werden kann. Aber dafür wäre das Publikum nicht geeignet.

Keine Stadt (Polis) erkennt die Wichtigkeit der anderen Nutzung für die Lehrfächer. Diese Lehrfächer führen die Menschen zum abstrakten Denken, aber das Publikum kennt keine andere Nutzung, außer der praktischen Nutzung der Astronomie.

Es gibt Forschende in den Städten, aber sie sind zu stolz, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Nur wenn die alle Stadtbewohner großen Wert auf diese Forschung (andere Nutzung) legen, können die Untersuchungen beginnen.

 

Wenn man ein Kunstwerk betrachtet und versucht es zu verstehen, betrachtet man es nicht mit den Augen, sondern mit einsichtigem Denken.

Sokrates betrachtet den Kosmos als ein Kunstwerk. Der Kosmos habe wie alle Kunstwerke einen Baumeister. Um sich diesem Schöpfer zu nähern, braucht man keine Augen, sondern vernünftiges Denken.

 

Die Besonderheiten der praktischen Astronomie ändern sich ständig. Das Verhältnis zwischen zeitlichen Einheiten wie Tag und Nacht, Tage und Monat, Monat und Jahr ändert sich mit der Zeit. Das Verhältnis zwischen Himmelskörpern ändert sich ebenfalls. Mit der Zeit ändert sich ihre Schnelligkeit und Langsamkeit, sogar ihre kreisförmige Bewegungen.

Die Himmelskörper sind nur Erscheinungen: Sichtbare und mit denen kann man keine Wahrheit suchen.

Sokrates behandelt die Astronomie wie die Geometrie. (530b)

Sokrates bezeichnet Geometrie als die Lehre von Fläche (528d) und weil die Bewegung der Himmelskörper dreidimensional ist, kann man von der Geometrie zur Astronomie überspringen. Astronomie wird als die Geometrie der bewegenden Körper betrachtet.

Im anderen Teil des Buches betrachtet Sokrates den Unterschied zwischen Geometrie und dialektischem Denken.

 

Im Liniengleichnis ordnet Platon die Mathematik auch dem Bereich des Intelligiblen zu. Die Mathematik beschäftigt sich somit auch im Bereich des Intelligiblen. Die Mathematik beschäftigt sich somit auch mit den Ideen. Den Unterschied zur Dialektik erläutert Platon am Beispiel der Geometrie. Wenn ein Mathematiker einen Kreis zeichnet,  dann geht er als Hypothese davon aus, dass es die Idee des Kreises auch in Wirklichkeit gibt. Er untersucht aber diese Hypothese nicht. Sokrates sagt, die Mathematiker gingen von Voraussetzungen aus, die sie unangetastet ließen, so dass sie keine Rechenschaft über sie geben könnten. Sie könnten über “das Seiende gewissermaßen nur träumen“ (533c-534a).

Wenn der Fall für die Geometrie so ist, gilt das Gleiche auch für die Astronomie.

 

Sokrates kommt zum Ergebnis, dass man keine Beobachtung benötigt, um die Wahrheit durch die Astronomie zu suchen.

 

“...die Astronomie gleich wie die Geometrie behandeln, fuhr ich fort, wollen aber die Gebilde am Himmel beiseite lassen...” 530b, Rufener, S. 324)

 

Er hat das Endergebnis schon vorher gesagt:

“... man müsse die Astronomie auf andere Art lernen, als das heute geschiet, wenn dieses Lernen für unsere zwecke förderlich sein soll...” (529b, Rufener, S. 323)

 

Auf andere Art zu lernen, bedeutet, dass man keine Betrachtung des Sichtbaren hat, keine Beobachtung der Himmelskörper hat. Für Platon ist die Wahrheit unveränderbar und wird nur durch eindringliches Denken erreichbar.

 

3. WISSENSCHAFTLICHE KONTROVERSE ÜBER DIE ROLLE DER BEOBACHTUNG IN DIE ASTRONOMIE BEI PLATON

 

Eine Passage des für diese Arbeit gewählten Textes führt zur wissenschaftlichen Kontroverse. Platon will die Gebilde am Himmel „beiseite lassen“. Für die reale Astronomie will er die Bewegung der Himmelskörper nicht im Betracht ziehen.

Was Platon interessiert, ist nicht die sichtbaren Teil der Astronomie, sondern das durchdringende Denken in die Astronomie. Nur durch dieses Denken kann man sich von dem Sichtbaren entfernen und die Wahrheit suchen.

Die andere Nutzung der Astronomie, wie in den Fächern Arithmetik, Geometrie, Streometrie und Harmonilehre führt zum abstrakten Denken, die Vorbereitung der Dialektik, die höchste Stufe des Denkens.

Die Beschäftigung mit diesen Lehrfächern hat zum Ziel, sich auf das Erlernen der Dialektik vorzubereiten. “Ohne diese Vorbereitung kann man kein Dialektiker werden.” (531d-532a, Rufener S. 326)

 

Die Grundlagen der platonischen Philosophie ist umstritten und nicht das Thema der wissenschaftlichen Kontroverse. Der Streitpunkt liegt aber bei der Interpretation des Satzes: “Gebilde am Himmel beiseite lassen.”

Es gibt zahlreiche Interpretationen für diesen Textabschnitt. Im Rahmen dieser Arbeit wähle ich folgende:

Interpretation 1: Platon vernichtet die Astronomie, weil er keine Beobachtung will.

Interpretation 2: Platon war der Gründer der theoretischen (mathematischen) Astronomie.

Interpretation 3: Platon kritisiert die Beiden und hat die These, dass man “doing astronomy” und “teaching astronomy” unterscheiden soll.

Der umstrittene Textabschnitt ist:

„Wir wollen also nur als Anlässe zum Nachdenken gebrauchen und die Astronomie gleich wie die Geometrie behandeln, fuhr ich fort, wollen aber die Gebilde am Himmel beiseite lassen, wenn wir uns wirklich mit der Astronomie beschäftigen wollen, um das von Natur Vernünftige in der Seele, das zunächst unbrauchbar ist, brauchbar zu machen.“ (530b, Rufener, S. 324)

 

3.1. INTERPRETATION 1

 

O. Neugebauer vertritt die Auffassung, dass Platon die Astronomie vernichten will.

 

„The often adopted notion that Plato ’directed’ research fortunately is not born out by the facts. His advice to the astronomers to replace observations by speculation would have destroyed one of the most important contributions of the Greeks to the exact sciences.” Neugebauer, S. 146)

 

Platon lehnt die Wichtigkeit der Beobachtung in die Astronomie ab. Astronomie ist a priori Wissenschaft, man braucht keinen empirischen Beweis. Platon wollte die Astronomie nicht weiter entwickeln, sondern vernichten.

 

3.2. INTERPRETATION 2

 

G. Vlastos lehnt diese Interpretation ab. Er hat die Auffassung, dass Platon nicht die Rolle der Beobachtung in die Astronomie abgelehnt habe, sondern er wolle die Astronomie in die Geometrie integrieren, damit habe er die Wichtigkeit der mathematischen Astronomie festgelegt.

„I hope to show that this passage, properly understood, permits us to recognize the positive impetus Plato gave to mathematical astronomy without requiring us to whitewash the anti-empirical strain in his own philosophy which shows up as strongly in this passage as anywhere in his work.” (Vlastos, S. 1)

 

Vlastos erklärt Platons mathematische Astronomie mit einem Beispiel: Platon rekonstruiere die Bewegung der Sonne mit einer geometrischen Denkweise, als Zusammenbewegung von zwei Kreisen. (Vlastos, S. 8) Diese Vorgehensweise sei nur mit der erforderlichen Daten-sammlung möglich.

Weil die empirische Datensammlung für die mathematische (theoretische) Astronomie nötig sei, wäre es falsch daran zu glauben, dass Platon die Beobachtung verbiete.

 

“... the observational data merely pose the problems; their collection is, therefore, the indispensible preliminary to the investigation of problems and is not counted as part of the investigation, so that the latter is taken to consist only of the purely theoretical activity which discovers and demonstrates the solution.” (Vlastos, S. 10)

 

Vlastos’s interpretiert die Aussage von Platon, “...die Astronomie gleich wie die Geometrie behandeln, fuhr ich fort, wollen aber die Gebilde am Himmel beiseite lassen, wenn wir uns wirklich mit der Astronomie beschäftigen wollen…“ als den Unterschied zwischen praktischer und theoretischer Astronomie. Um eine astronomische Theorie zu konstruieren, solle man sich von der Beobachtung entfernen.

Theoretische Astronomie ist laut Vlastos „real astronomy“.

 

„… the true relation of observation to that investigation of ‘problems’ which Plato considers ‘real astronomy’.”(Vlastos, S. 10)

 

Die Feststellung von Vlastos ist nicht plausibel, weil sie mit der Philosophie von Platon nicht übereinstimmt. Platon wollte “real astronomy” für die Annäherung zur Wahrheit nutzen. Bei der platonischen Philosophie ist die Wahrheit unveränderbar. Sichtbare Objekte, die sich ständig ändern, repräsentieren keine Wahrheit.

 

Vlastos teilte die Astronomie anders als Platon. Bei Platon ist der erste Teil die praktische, bei Vlastos ist es die empirische Astronomie. Der zweite Teil ist bei Platon die andere Art der Astronomie (oder real Astronomie), bei Vlastos ist es die theoretische Astronomie.

Vlastos betrachtet Astronomie als eine wissenschaftliche Disziplin. Seine Teilung als empirische und theoretische Astronomie ist ein Resultat seiner Betrachtung. In Platon’s Zeit gab es keine wissenschaftlichen Disziplinen. Doch wichtiger ist: Platon legte wenig Wert auf veränderte Information. Wahrheit war für Platon ewig und unveränderbar.

 

Vlastos teilte die Astronomie in zwei sich ständig ändernde Teile: bis zu einem bestimmten Punkt sei die empirische Datensammlung nötig, danach komme die Bewertung der Daten. Wenn empirische Daten sich ändern, ändern sich theoretische Ergebnisse obligatorisch.

“... real astronomy deals with the problems set up by the empirical preliminaries.” (Vlastos, S: 10)

In diesem Fall hat die theoretische Astronomie keine Gemeinsamkeit mit der platonischen realen Astronomie.

Daher Vlastos’s Kritik zu der ersten Interpretation ist nicht plausibel.

 

3.3. 3. INTERPRETATION

Andrew Gregory kritisiert in seinem Buch “Plato’s Philosophy of Science” beide Interpretationen. Seine Argumentation hat drei Stufen:

Erstens: Zwischen Intelligiblen und Sensiblen  gäbe es bei Platon eine gegenseitige Verbindung.

“... I have argued that an important factor in investigation for Plato is the interrelation of sensibles and intelligibles, involving the subsequent descent of the line, giving us some information about the contents of the cave and drawing the phenomena into our explanotary system.” Gregory, S. 54)

 

Gregory kritisiert Vlastos wegen seiner Einseitigkeit bei der Verbindung zwischen Sensiblen und Intelligiblen.

 

Zweitens: Platons Bemühung sei für die Ausbildung von Wächtern, nicht für eine wissenschaftliche Methodologie. Gregory betont den Unterschied zwischen “doing astronomy” and “teaching astronomy”.

 

“We leave observation on one side for education, but not for other purposes... (...) how we ought to use astronomy in philosophical education, wenn we should leave the things in the heavens alone, and consider only the intellectual problems.” (Gregory, S. 57)

 

Für die philosophische Bildung ist die Beobachtung der Himmelskörper nicht nötig.

 

Drittens: Gregory zweiteilt die Astronomie in praktische und reale Astronomie. Die reale ist frei von der Beobachtung und nutzt die Daten der praktischen. Die reale, sogar die theoretische Astronomie ist nötig für die Ausbildung der Wächter.

 

“The guardians, as part of their philosophical education will indeed avoid observation, and merely use the observations of others to set up problems for them to consider.” (Gregory, S: 59)

 

Wie bei Vlastos, stimmt bei Gregory die Teilung nicht mit der Teilung von Platon überein. Die Unstimmigkeit bei der Funktion des zweiten Teils ist problematisch.

Bei der Bildung der Wächter wird das Ergebnis des praktischen Teils genutzt. Die Daten der Beobachtung der Himmelskörper werden interpretiert. Diese Interpretation ist bei der Ausbildung der Wächter als Lehrmaterial wichtig.

Diese Feststellung ist problematisch. Wie vorher erwähnt wurde, legt Platon wenig Wert auf die Veränderlichen. Wenn die Wächter über die empirischen Daten philosophieren, erreichen sie nach Platon niemals die Wahrheit. Wenn sich die empirischen Daten ändern, sollen sich die theoretischen Ergebnisse auch ändern und am Ende gibt es keine Konsistenz, sondern eine veränderliche Wahrheit, die für Platon aber keine Wahrheit ist.

Mit dieser Vorgehensweise können die Wächter verschiedene Theorien konstruieren, aber niemals Dialektiker werden.

 

3.4. ALLGEMEINE BEWERTUNG DER INTERPRETATIONEN

 

Jeder Textabschnitt kann nur verstanden werden, wenn sie im Rahmen des Gesamttextes bewertet werden. Ein Absatz oder ein Satz reicht für eine plausible Bewertung nicht aus.

Neugebauer kommt zum Ergebnis durch den Satz, dass Platon die Beobachtung in die Astronomie streichen will. Diese Bewertung ist nicht plausibel.

 

Die Feststellung von Vlastos ist nicht überzeugend, weil sie mit der Philosophie von Platon nicht übereinstimmt. Platon wollte “real astronomy” für die Annäherung zur Wahrheit nutzen. Sichtbare Objekte, laut Platon, die sich immer ändern, repräsentieren keine Wahrheit.

Vlastos teilt die Astronomie wie eine wissenschaftliche Disziplin. Der zweite (theoretische) Teil hängt den ersten (praktischen) Teil ab.

In der Realität wollte Platon mit der Hilfe der Astronomie (und anderen Lehrfächern) sich der Wahrheit nähern. Der beobachtbare (praktische) Teil der Astronomie spielt eine geringe Rolle in der platonischen Philosophie.

 

4. SCHLUSSFORDERUNG


Der Staat ist ein politisches Buch. Platon bemüht sich in seinem Buch  nicht  die Entwicklung der Wissenschaften zu erklären, sondern versucht mit seiner Arbeit sich damit aus-einanderzusetzen,  wie diese Wissenschaften für die Ausbildung der Wächter relevant sein können.

Laut Platon, können nur die Wächter, die zu Philosophen ausgebildet werden, die Stadt (Polis) regieren. Aber nicht alle Wächter bringen die Ausbildung erfolgreich zum Abschluss. Deswegen bringen alle anderen Regierenden kein ausreichendes Wissen mit.


Platon interessierte sich für die Astronomie nur im Rahmen dieser Ausbildung. Er will nicht die praktische, sondern die andere Art der Astronomie (theoretische Astronomie) in der Ausbildung verwenden. Diese Art der Astronomie basiert nicht auf Beobachtungen, sondern auf eingreifendem Denken. Um diese Art von Denken zu ermöglichen, werden die Astronomie und die Geometrie kombiniert. Wenn die Feststellung von Platon, wie "Gebilde am Himmel beiseite lassen", außerhalb des allgemeinen Kontext des Buches gewertet wird (wie in der Fall Interpretation 1) kann es zu einem falschem Ergebnis führen, wie „Platon lehnt die Wichtigkeit der Beobachtung in der Astronomie ab“. Bei Interpretation 2 und 3 bestehen ebenfalls wichtige Probleme. Wenn die antiken philosophischen Texte interpretiert werden, sollte man nicht im Rahmen des wissenschaftlichen Denkens des 20. Jahrhundert bleiben. Es ist sehr wichtig, die antike Denkweise zu verstehen und in diesem Rahmen  die Texte zu interpretieren.

Der Prozess von den empirischen Daten zur Theorie stimmt nicht mit der platonischen Philosophie überein, die auf Sehbare und Veränderbare wenig Wert legt. Die Interpretation  2 und 3 für den gewählten Textabschnitt haben das oben genannte Problem.