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FANONS GEWALTBEGRIFF PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Dienstag, 30. August 2011 um 21:18

Engin Erkiner: EINLEITUNG - In dieser Arbeit wird Frantz Fanons Gewaltbegriff untersucht. Hannah Arendts Kritik zu Fanons Gewaltbegriff wird auch erläutert. Fanon stellt den Gewaltbegriff in seinem letzten Buch „Die Verdammten dieser Erde“ explizit dar.
Fanon hat die Auffassung, dass Gewalt gegen die Kolonialisten eine positive Seite und eine psychologisch heilende Seite hat.

Hannah Arendt hat die spezifische Gewalt von Fanon generalisiert und kritisiert. Neben der Kritik von Hannah Arendt gehe ich in dieser Arbeit auch auf die psychoanalytische Kritik am Gewaltbegriff von Fanon ein.

 

 2. DIE VERDAMMTEN DIESER ERDE

„Die Verdammten dieser Erde“ war letztes und bekanntestes Buch von Fanon. In diesem Buch fasste Fanon überwiegend die theoretischen Ergebnisse aus seinen eigenen Leben zusammen. Fanons Methode war die teilnehmende Beobachtung. Er hat eigene Erfahrungen mit der französischen Gesellschaft. Er kannte Algerien und weil er Psychiater war, kombinierte er seine Erfahrungen mit den Ergebnissen von den Patienten.

Algerien war das beste Land, um die katastrophalen Ergebnisse des französischen Kolonialismus auf den kolonisierten Mensch zu untersuchen.

 

2.1. INTERNATIONALE KLIMA

Dieses Buch wurde im Zeitalter des kalten Krieges und zu Zeit der Auflösung des Kolonialismus verfasst.

Die UdSSR und andere sozialistische Länder befanden sich in einer strengeren Auseinandersetzung mit den USA und anderen entwickelten kapitalistischen Ländern. Es gab keinen direkten, sondern indirekten Krieg zwischen zwei Blöcken. Diese indirekten Kriege fanden in Kolonien oder ehemalige Kolonien statt. Wenn eine Seite ihre Anhänger unterstützte, reagierte andere Seite auf gleiche Weise.

Lumumba im Kongo wurde von den sozialistischen Ländern, seine Gegner Tschombé vom ehemaligen Kolonialisten (Belgien) unterstützt.

Fanon fand Afrika als den besonderen Schauplatz für die Auflösung des Kolonialismus.

Die Kolonialisten kämpften gegen die Auflösung und wenn es unvermeidbar war, versuchten sie ein politisch unabhängig gewordenes Land im Rahmen des Neo-Kolonialismus zu erhalten.

Die sozialistischen Länder suchten dagegen enge Kontakte mit den ehemaligen kolonisierten Ländern und schlugen ihnen einen nicht kapitalistischen Entwicklungsweg für die Lösung der Probleme den neuen Staaten vor.

 

 

3. FANONS GEWALTBEGRIFF

„Das erste Kapital in Fanons letztem Werk gibt das Thema aller Überlegungen, die er in seinem letzten Jahren anstellte: die Gewalt. Nur durch die Gewalt kann der Kolonialismus beseitigt werden, nur durch Gewalt können die kolonisierten Länder sich befreien.“ (Grohs: 458)

Wie jeder andere Begriff, wird Fanons Gewaltbegriff durch seine Funktionen definiert.

Laut Fanon hat die von den Kolonisierten gegen die Kolonialisten ausgeübte Gewalt zwei Funktionen: vernichtende und schöpferische.

Vernichtende Funktion ist nötig für die Dekolonisierung.

 

3.1. GEWALT IST NÖTIG FÜR DIE AUFLÖSUNG DES KOLONIALISMUS

„Die Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt.“ (Fanon 1981: 29)

Kolonialherren übten Gewalt, um das Land zu besetzen, die wirtschaftlichen Ressourcen auszubeuten, die Traditionen der Menschen zu ruinieren und allgemein die Zivilisation des Mutterlandes in die Kolonie zu exportieren.

„Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt. Die Trennungslinie, die Grenze wird durch Kasernen und Polizeiposten markiert.“ (Fanon 1981: 31)

Diese Welt kann nur durch absolute Gewalt in Frage gestellt werden.

Der Kolonialherr versteht keine Sprache außer Gewalt.

 

Fanons These, dass für die Dekolonisierung die Anwendung der Gewalt absolut nötig ist, hat keinen überzeugenden Inhalt. In den 1950er Jahren war es ziemlich schwierig, die Dekolonisation ohne Gewalt zu schaffen.

Gewaltanwendung für die politische Unabhängigkeit gegen die Kolonialisten war eine übliche Realität in den 1950er Jahren.

Von Vietnam (Sieg des vietnamesischen Volkes in Dien-Bien-Phu gegen die französische Kolonialisten in 1954) bis zu verschiedenen afrikanischen Ländern: Dekolonisierung ohne Gewalt war nicht möglich.

 

Fanons Gewaltthese hat aber eine andere Dimension: Die schöpferische Funktion der Gewalt gegen die Kolonialisten.

 

3.2. DEKOLONISIERUNG, GEWALT UND NEUE MENSCH

Gewalt ist nicht nur destruktiv, sondern auch schöpferisch.

Gewalt gegen die Kolonialisten ist nicht nur nötig für die Befreiung des Landes, sondern für die Heilung der psychologisch kranken Menschen.

Für Fanon bedient Gewalt gegen die Kolonialisten die positive Entwicklung der Menschen in den Kolonien.

“Die Dekolonisation ersetzt ganz einfach eine bestimmte ‘Art’ von Menschen durch eine andere ‘Art’ von Menschen.” (Fanon 1981: 29)

Der kolonisierte Mensch ist psychologisch krank. Er hat eine Charakterspaltung und Minder-wertigkeitsgefüle. Er lebt in einer zwei-geteilten Welt: eine eigene Welt und die Welt der Kolonisatoren.

Fanons Konzept vom psychologischen Einfluss des Kolonialismus auf dem Individuum basiert auf seiner eigenen Erfahrung in Algerien.

Im Algerien herrscht der französische Kolonialismus. Statt einer indirekten Assimilation, wie im britischen Kolonialismus, fordert der französische Kolonialismus eine komplette Assimilation.

Menschen in den französischen Kolonien sollen Französisch lernen und französische Werte bedingungslos akzeptieren. Auch wenn sie sich komplett integrieren können, werden sie als Franzosen zweite Klasse betrachtet. Sie werden von den “echten” Franzosen nicht akzeptiert.

Sie werden mit ihre Geschichte und Kultur konfrontiert, sie sollen alle gesellschaftlichen Werte ablehnen, die der französischen Kultur nicht passt. Deshalb fühlen sie sich Fremd in ihrem eigenen Land.

Wenn sie die Sprache des Kolonialisten nicht lernen können, haben sie keine gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Die Amtssprache ist Französisch. Post, Verkehrszeichen, Gesundheit und Bildung sind alle Französisch.

 

Der Mensch hat seine kulturellen Wurzeln in der Familie und Verwandten. Er lernt Arabisch als Muttersprache und ist im alltäglichen Leben ständig mit der anderen Sprache konfrontiert, die Sprache des Kolonialisten.

Die Lage der SchülerInnen in Ghana war ähnlich wie in Algerien. Die SchülerInnen lesen Bücher, die für Europäer geschrieben werden. Das Ziel der Schule ist die Verinnerlichung der europäischen Werte, das einen inneren Konflikt bei SchülerInnen verursacht.

Der zerstörende Einfluss der schulischen Bildung macht sich in alle Bereichen der Gesellschaft bemerkbar: Psychologische Störungen und Entfremdung.

“School children were thus led to internalize a set of values that were in some crucial respects at variance with those to which they were exposed in their home environment; values which they heard were characteristic  of Europeans and had made them as strong, wise, and powerful as they were. At the same time the children could not help being aware that these virtues were not practiced by their own familly and neighbours, This, naturally, was merely an indirect way of suggesting inferiority.” (Jahoda 1961: 42)

 

Wie kann man sich von dieser Entfremdung befreien?

 

3.3. ZWEI STUFEN VON GEWALT

Gewalt hat auch eine psychologisch befreiende Funktion.

“Der kolonisierte Mensch befreit sich in der Gewalt und durch sie.” (Fanon 2008: 72)

Erste Stufe der Gewalt ist individuell. Der kolonisierte Mensch attackiert die Kolonisatoren ohne ein politisches Konzept und eine Organisation. Er empfindet Hass gegen die Kolonialisten und seine Gewalt hat einen spontanen Charakter.

“In the first phase violence is directed spontaneously, without organisation and as yet without any political concept against the foreign intruder, the colonial master.” (Zahar 1974: 80)

 

Bei der zweiten Stufe gibt es ein politisches Ziel (das Ende des Kolonialismus, nationale Unabhängigkeit) und eine Organisation, die nicht nur als obligatorischer Bestandteil des bewaffneten Kampfes ist, sondern als integrativer Faktor für das Volk wirkt.

“Die gewalttätige Praxis wirkt integrierend, weil sich jeder zum gewalttätigen Glied der großen Kette, der großen gewalttätigen Organisationen macht, die als Reaktion auf die primäre Gewalt des Kolonialisten aufgestanden ist. Die Gruppen erkennen sich gegenseitig, und die zukünftige Nation ist von Anfang an ein ungeteiltes Ganzes.” (Fanon 2008: 76)

 

Das kolonisierte Volk organisiert sich in einer Organisation, einigt sich für die nationale Unabhängigkeit, üben Gewalt gegen die Kolonialisten, damit sie sich von ihren Minderwertigkeitskomplex befreien.

 

4. ARENDTS KRITIK AN FANON

Fanon wurde zum Teil heftig als Gewaltprediger kritisiert.

Fanon ist im 1961 gestorben. Obwohl er im Kontext von Kolonialismus und Rassismus geschrieben hat, waren seine These über die Gewalt aktuell in der 68’er Bewegung.

“In ihrer neun Jahre später erschienenen Studie Macht und Gewalt setzt sich Arendt vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges unter anderem mit den verschiedenen Formen von Gewalttätigkeit in den Studentenrevolten, den ‘Rassen’-konflikten in den USA und den Begründungen verschiedener Gewalttheorien auseinander.” (Thompson 2009: 98)

 

Die heilende Funktion der Gewalt bei Fanon wurde unabhängig von seinem Kontext bewertet. Dieser Kontext sind die Kolonien und die kolonialisierten Völker.

 

4.1. ARENDTS FANON KRITIK ÜBER DIE FUNKTION DER GEWALT

Laut Arendt hat Fanon die Gewalt verherrlicht, empfindet einen tiefen Hass gegen die Gesellschaft und mit dem Sittenkodex gebrochen.

“Es gibt nicht viele Autoren von Rang, welche die Gewalt um ihrer selbst willen verherrlicht haben; aber diese wenigen –Sorel, Pareto, Fanon- legten einen erheblich tieferen Haß auf die Gesellschaft und vollzogen einen erheblich radikaleren Bruch mit ihrem Sittenkodex als die konventionelle Linke, deren Hauptmotive das Mitleiden und die Leidenschaft für Gerechtigkeit waren.” (Arent 2006: 66)

 

Die Linke ist nur gegen einen kleinen Teil der Gesellschaft, die Bourgeoise. Die Linke ist für die arbeitenden Menschen und diese sind der überwiegende Teil der Gesellschaft.

Laut Arendt, gibt es kein differenziertes Konzept des weißen Menschen bei Fanon. Er betrachtet die Weißen als Rassisten; wobei manche unbewusste Rassisten sind, manche mit Absicht.

 

Fanon hat den Rassismus der französischen Gesellschaft in Frankreich erlebt. Er ist ein intelligenter, gut ausgebildeter Mensch, der sich auch an der französischen Resistance beteiligt hat. Wurde aber von der französischen Gesellschaft nicht akzeptiert.

Diese Haltung der Gesellschaft war latent. Er war Arzt und hat höhere Verantwortung in einem Krankenhaus. Fanon erlebte oft eine ablehnende Haltung wegen seiner Hautfarbe. Der Begriff Ablehnung hat eine breite Reichweite für Fanon. Manche Franzosen wunderten sich, dass ein “negre” so gut französisch spricht und Experte in seinem Fach war (Cherki 2002).

Für Fanon ist der Rassismus ein fester Bestanteil der französischen Gesellschaft. Für ihn ist Kolonialismus ohne Rassismus nicht möglich.

Rassismus hat sich in der gesellschaftlichen Kultur verankert.

Dieser Rassismus ist in den französischen Kolonien offener.

 

Arendt hat die Auffassung, dass das Volk in den Metropolen und Kolonien “gleich” sind. Es gibt natürlich wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede, aber als Menschen, sind sie gleich.

Fanon dagegen hat eine ganz andere Bewertung. Menschen in den Kolonien können nicht als normale Menschen betrachtet werden. Sie haben keine Geschichte und Kultur. Dieser feste Bestandteil der Menschen in den Kolonien wurde von den Kolonialisten ausgeraubt. Kolonisierte Menschen sollen sich in einer ganz anderen Kultur verankern und diese obligatorische Orientierung die nur mit Gewalt der Kolonialisten möglich ist, verursacht tiefere psychologische Probleme.

 

Arendt hat ihre Beispiele nur aus den Metropolen gefunden. Eines ihrer wichtigsten Beispiele von Gewaltlosigkeit ist die Bürgerrechtsbewegung in den USA (Arendt 2006: 76). Schwarze konstituierten den überwiegenden Teil dieser Bewegung.

Arent betrachtete die gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt nicht. Schwarze in den USA und in afrikanischen Ländern –trotz ähnliche Hautfarbe- sind sehr verschiedene Völker. Die einen leben in der Metropole, andere in den Kolonien. Für erstere ist die gewaltlose Vorgehensweise möglich, für anderen versteht der Gegner nur Gewalt.

 

Die kolonisierten Menschen können nicht als “normale Menschen” wie in den Metropolen betrachtet werden. Hier liegt ein großer Unterschied zwischen Arendt und Fanon.

Dieser Unterschied hat einen großen Einfluss auf die Bewertung der Rolle von Gewalt in der Gesellschaft.

 

Im Zentrum des Kolonialismus steht Gewalt. Offene und versteckte Gewalt ruinierte nicht nur das kolonisierte Land, auch die Psychologie der heimischen Menschen. Für Fanon heilt die auf die Kolonialherren ausgeübte Gewalt die Psychologie der unterdrückten Menschen in den Kolonien.

Fanon betrachtet Gewalt als schöpferisch, nur wenn sie gegen die Kolonialisten ausgeübt wird. Deshalb ist es nicht richtig, Fanon als Befürworter der allgemeinen Gewaltausübung zu klassifizieren.

Dagegen hat Sorels schöpferischer Gewaltbegriff einen universalen Charakter und kann nicht mit Fanons Begriff der Gewalt in Verbindung gebracht werden.

Es ist auch nicht zutreffend die Gewaltbegriffe von Fanon und Engels zu vergleichen.

Friedrich Engels hatte die Rolle der Gewalt in der Geschichte als positiv bewertet, wenn es keinen anderen Weg für die Unterdrückten gibt, um aus der Unterdrückung herauszukommen (Jensen 2011: 81-90).

Fanon und Engels bewerteten die Rolle der Gewalt in verschiedenen Teilen der Welt: Kolonien und Metropolen. Der eine für die kolonisierte Menschen und der andere für die Arbeiterklasse in die Metropolen.

 

5. WEITERE KRITIKPUNKTE AN FANONS GEWALTBEGRIFF

5.1. KRITIK AN DER PSYCHLOGISCHEN ANALYSE

N’Guyen, aus der vietnamesischen kommunistischen Partei wirft Fanon eine fehlerhafte Vorgehensweise vor.

“Fanon geht seiner Meinung nach von der politischen oder historischen Ebene zur individuellen über, während die Gewalt des Klassenkampfs pragmatisch, strukturell und nicht existenziell ist.” (in Cherki 2002: 253)

 

Fanons fehlerhafte Analyse war üblich in seiner Zeit. Die Psychologen betrachteten die Masse als mehrfach multipliziertes Individuum. Was für ein Individuum richtig ist, ist auch für die Masse gültig. Diese Vorgehensweise stammt von Freud und seinen Nachfolgern.

“Er folgt damit einem durchaus gängigen Modell der Sozialphilosophie, nämlich die Gesellschaft als einen Akteur, der wie ein Individuum handelt, anzusehen. Das ermöglicht ihm, Gesellschaft als eigenständige Realität zu adressieren, aber überträgt die individuelle Psychologie des Handelns auf makrosoziales Geschehen, was entsprechende Folgen nach sich sieht.” (Schülerin-Wirth 2011: 22)

 

Die Übertragung der individuellen Psychologie zur Massenpsychologie, ohne die Gruppendynamik und Massenpsychologie zu beachten, führt Fanon zur Spontanität von einigen wichtigen gesellschaftlichen Prozessen.

 

5.2. DIE ROLLE DER IDEOLOGIE

Fanon betrachtet die Bauern als einzige revolutionäre Kraft.

“Es ist jedoch offenkundig, dass in den Kolonialländern nur die Bauernschaft revolutionär ist. Sie hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen.” (Fanon 2008: 51)

 

Dagegen argumentierte N’Guyen ohne politische und ideologische Erziehung, unterstützen die Bauern den bewaffneten Kampf nicht.

“Der Linie des marxistischen Denkens folgend, erkennt N’Guyen den Beitrag der bäuerlichen Massen zum bewaffneten Kampf an, der eine außergewöhnliche Brüderlichkeit fördere, betont aber, dass die Bauern nicht an sich revolutionär seien. Nach dem bewaffneten Kampf stützt sich der politische Kampf auf die Kontinuität seiner ‘politischen und ideologischen Erziehung.’” (in Cherki 2002: 253).

 

Wie ich erwähnt habe, übertrug Fanon die Psychologie des Individuums auf die Masse. Weil der bewaffnete Kampf – eine übliche Weise der Gewaltanwendung - gut für den Mensch ist, ist das gleiche automatisch gültig für die Masse.

Übertragung vom Individuum zur Masse führt Fanon zur Spontanität, die mit der Realität nichts zu tun hat.

 

6. RESUMEE

Obwohl Fanons Theorie verschiedene Facetten hat, wurde in dieser Arbeit nur auf seinen Gewaltbegriff eingegangen.

Der Begriff definiert sich mit seinen Funktionen.

Fanons Beitrag zur soziologischen und philosophischen Theorie war die Feststellung der Verbindung zwischen Kolonialismus und Entfremdung. Vor Fanon wurde der Kolonialismus nur aus seiner militärischen und wirtschaftlichen Seiten betrachtet. Laut Fanon ruinierte der Kolonialismus die Psyche der kolonisierten Menschen. Sie mussten sich von ihrer eigener Sprache und Kultur trennen, weil die europäische Kultur und die Sprache der Kolonialisten Vorrang hatte. Was zu den kolonialisierten Menschen gehört hat wenig wert, ist sogar zweite Klasse.

Die Erniedrigung der Werte der kolonisierten Menschen verursacht einen Minderwertigkeitskomplex. Der Mensch entfremdet sich.

Kolonisierte Menschen sind keine „normalen“ Menschen. Gewalt (in den meisten Fällen bewaffneter Kampf) gegen die Kolonialisten ist nötig, nicht nur für die nationale Unabhängigkeit, sondern für die Transformation der Menschen.

Die Kolonialisten verstehen nur Gewalt. Sie haben ihre Macht mit Gewalt erreicht. Diese Macht kann nur mit größerer Gewalt beendet werden.

Durch die Gewaltanwendung gegen die Kolonialisten befreien sich die kolonialisierten Menschen von ihrem Minderwertigkeitskomplex.

 

Die positive Rolle der Gewaltanwendung wurde oft ohne ihre Voraussetzungen bewertet und kritisiert. Fanons These über die Gewalt ist gültig für Kolonien, nicht für Metropolen, für kolonisierte Menschen, nicht für die Arbeiterklasse.

 

Obwohl Fanon einen wichtigen Beitrag für die Sozialpsychologie geleistet hat, hat er die Psychologie des Menschen sozialisiert, betrachtet die Masse als einen Akteur. Was er von der Psychologe-Patient-Beziehung erfuhr, transformiert er zu einer Massenpsychologie. Diese Vorgehensweise ist problematisch, aber mit den psychologischen Methoden seiner Zeit konform.

Die einfache Transformation der Probleme und Lösungen von Individuum zur Masse führte Fanon zur Spontanität.

Der Prozess von individuellen zur Massengewalt gegen die Kolonialisten ist für Fanon einigermaßen Spontan. In der Realität war die Verbreitung des bewaffneten Kampfes eine der großen Probleme der nationalen Befreiungsbewegungen, sogar der Guerillakrieg. Dieses Problem wurde explizit von Mao, Giap und Guevara behandelt.

Wegen des Glaubens an die automatische Entwicklung vom Individuum zur Masse, unterschätzte Fanon die Rolle der revolutionären Theorie und Erziehung.

 

 

 

 

 

 

 

7. LITERATURHINWEISS

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, Piper, München, 2006.

Cherki, Alice: Frantz Fanon – Ein Porträt, Edition Nautilus, Hamburg, 2002.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp, 2008, Frankfurt a.M.

Gordon, R. Lewis; Sharpley-Whiting, T. Denean; White, T. Renee: Fanon: A Critical Reader, Blackwell Publishers, Cambridge, 1996.

Gendzier, L. Irene: Frantz Fanon – A Critical Study, Grove Press, New York, 1985.

Grohs, Gerhard: Frantz Fanon, ein Theoretiker der afrikanischen Revolution, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 16. Jahrgang, Heft 3, 1964, Köln und Opladen.

Gustav, Jahoda: White Man, Oxford University Press, London, 1961.

Jensen, Uffa; Knoch, Habbo; Morat, Daniel; Rürup, Miriam: Gewalt und Gesellschaft, Wallstein Verlag, 2011, Göttingen.

Rabaka, Reiland: Forms of Fanonism, Lexington Books, Plymouth, 2010.

Schülerin, Johann August; Wirth, Hans-Jürgen (Hg.): Analytische Sozialpsychologie, Psychosozial-Verlag, Gießen, 2011.

Thompson, Vanessa Eileen: Entfremdung durch Kolonisierung bei Frantz Fanon, Magisterarbeit, 2009, Frankfurt a.M.

Zahar, Renate: Frantz Fanon: Colonialism and Alienation, Monthly Review Press, 1974, New York and London.