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Arbeiterbewegung in den 90er Jahren in der Türkei PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Dienstag, 05. Mai 2009 um 09:55
Engin Erkiner: Am 12. September 1980 erlebte die Türkei einen grausamen Militärputsch.  

Alle linksorientierten Gewerkschaften, Vereine und legale Parteien wurden verboten. Viele Arbeiterführer wurden verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

 

Die Militärregierung verfolgte eine gnadenlose neo-liberale Wirtschaftspolitik. Fast alle Arbeitern und Angestellten hatten keine Gehaltserhöhung und sie konnten dagegen nichts unternehmen. Streiken und jegliche Art von Protest war verboten.

 

In der zweiten Hälfte der 1980’er Jahren erholte sich die Arbeiterbewegung. Bank- und Büroangestellte, die sich vor 1980 nicht als Arbeiter wahrgenommen haben, beteiligten sich nach 1985 an den Streiks und andere Form des Widerstands.

 

Die Arbeiter aus dem privaten Sektor, sogar diejenigen Arbeiter in den Staatsfabriken, hatten neue Widerstandsformen erfunden. Die Arbeiter in verschiedenen Fabriken meldeten sich am gleichen Tag krank und marschierten zusammen zum Krankenhaus. Es war eine Arbeitsniederlegung und Kundgebung der s.g. “krank meldenden Arbeiter”. Diese Form des Widerstands war neu.

 

Der Ort des Widerstands war İstanbul, wo die türkische Industrie- und Dienstleistungen konzentriert waren.

Eine von wichtigsten Widerstand in Istanbul fand in der Pasabahce-Glasfabrik statt

Pasabahce war seit 1930’er Jahren einen bekannten Ort für die Glasproduktion. In Istanbul in der Pasabahce Flaschen-Glas-Fabrik sollten 584 Arbeiter entlassen und die Abteilung der Glasbläser geschlossen werden. Daraufhin legte die gesamte Belegschaft der Fabrik am 25. Juli 1991 die Arbeit nieder und begann mit ihrem Widerstand, der 21 Tage dauerte. Um den Kampf der Arbeiter, die den Betrieb verlassen hatten, zu unterstützen, wurde jeden Tag am Abend von den Familien, den Nachbarn, die im Stadtviertel wohnten und den Arbeitern aus anderen Betrieben Demonstrationen veranstaltet. Der Widerstand gegen die Entlassungen und die Schließung erfasste den ganzen Stadtteil.

Diese Entwicklung war selten in den Streiken der Türkei. Normalerweise streikten die Arbeiter, manchmal beteiligten sich auch ihre Familienangehörige an den Widerstand, nur die Beteiligung des ganzen Stadtgebiets war völlig neu.

 

In einegen Städten wie Zonguldak lebte eine ganze Stadtteile von einer Fabrik oder wie in Zonguldak von einem Bergbau. Wenn die Arbeiter kein Geld mehr hätten, hätte diese eine sofortige Wirkung auf den Stadtteil sogar die ganze Stadt. In solchen Stadtteilen wurde der Streik von allen Bewohnern des Stadtteils  unterstützt.

 

Am 14. August 1991 wurden nach Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern die Entlassungen zurückgenommen, der Widerstand der Belegschaft endete so mit einem Sieg.

Ein weiterer wichtiger Ort war Zonguldak durch der Streik der Bergarbeiter

Zwischen November 1990 und Januar 1991 fand der große Bergarbeiterstreik.

Zonguldak war seit Jahren ein Ort für Kohlproduktion. Im Jahr 1990 war die Tarifverhandlung zwischen den Staat –damals war die Kohleproduktion in der Türkei noch nicht privatisiert - und Bergarbeitergewerkschaft gescheitert. Am 30. November 1990 fing ein Streik an.

Die Bergarbeiter protestierten einige Wochen lang in Zonguldak und in Kozlu –ein Ort in der Nähe von Zonguldak- gegen die Regierung, nur diese blieb unbeeindruckt. Die Gewerkschaft und die Arbeiter sollten entweder von der Regierung vorgeschlagene Tariferhöhung akzeptieren oder etwas anderes unternehmen.

Sie hatten sich für eine außergewöhnliche Aktion entschieden: Ein vf. 500 km. langer Protestmarch von Zonguldak nach Ankara.

 

Am 3. Januar 1991 hat der größte Gewerkschaftsbund der Türkei, Türk-İş (Türkischer Gewerkschaftsbund) zum einen eintägigen Generalstreik aufgerufen. Und solidarisiert sich mit den Bergarbeitern.

 

Am 4. Januar 1991 begann der Marsch nach Ankara, an dem sich zehntausende Bergarbeiter und ihre Familien trotz des widrigen Winterwetters beteiligten.

 

Am  Anfang lag die Zahl der Protestierer bei ca. 25 Tausend. Während des Protestmarschs nahm die Zahl zu. Viele arbeitende und nicht arbeitende Menschen nahmen teil. Am Ende erreichte die Zahl ca. 100.000.

 

Am 8. Januar wurde ihre Marsch aber von der Staatsgewalt gestoppt. Danach gab es erneut Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und die Regierung, ohne dass ein Ergebnis erzielt wurde und unter dem Vorwand der damaligen Golfkrise, wurde der Streik vertagt. Am 6. Februar 1991 wurde ein Tarifvertrag unterschrieben. Die Arbeiter erhielten Lohnerhöhung und mehr soziale Rechte.

 

Der Kampf der Bergarbeiter in Zonguldak wurde von vielen Arbeitern aus anderen Gegenden und von der demokratischen Öffentlichkeit solidarisch unterstützt.

Ein weiterer Widerstand war die Bergbesetzung der Arbeiter des Karakaya Braunkohle-Betriebs in Bayat/Corum 

Im Landkreis Bayat/Corum wurden am 20. September 1991 450 Arbeiter des Karakaya Braunkohle-Betriebs entlassen, da diese sich gewerkschaftlich bei der Bergbau-Gewerkschaft organisiert hatten. In den 60er Jahren war in den Großstädten der Türkei diese Verhaltensweise der Arbeitgeber üblich. Wenn die Arbeiter in einer Fabrik in der Gewerkschaft organisierten, oder sie wollten zu einer Gewerkschaft wechseln, wurden sie meist entlastet. Diese Verhaltensweise der Arbeitgeber war nach 1990 ich klein Städten bemerkbar.

 Aus Protest dagegen begannen die Arbeiter folgende Aktion: Sie stiegen auf einen nahen Berg, bauten dort Zelte aus Plastikplanen auf und blieben 88 Tage dort. Nach dieser langen Zeit war die Gesundheit der Bergbesetzer angegriffen und sie mussten ihre Aktion beenden. Auf dem Weg nach unten in das Bergbaugebiet wurden sie von Gendarmerie eingekreist und vor die Staatsanwaltschaft gebracht. Die Aktion der Bergarbeiter, die einen großen Widerstandsgeist zeigte, ist eins der charakteristischen Beispiele in der Geschichte unsere Arbeiterbewegung und nimmt dort ihren Platz ein.   

Als letztes Beispiel werde ich die Aktionen und Streik in der Maga-Leder-Fabrik vorstellen

In der Lederfabrik in Köseköy/Izmit begann am 21. Januar ein Streik, der von der Leder-Gewerkschaft organisiert worden war. Unter dem Vorwand der Golfkrise wurde dieser Streik am 25. Januar vom Vorstand der Gewerkschaft ausgesetzt. Am 27. Januar kehrten die Arbeiter in die Fabrik zurück und mussten feststellen, dass sie entlassen worden waren. In den folgenden Tagen, als sich abzeichnete, dass sie auch nicht bezahlt werden würden, drangen sie in die Fabrik ein und besetzten die Kantine. Zwei Monate dauerte dieser Widerstand. Am Ende musste der Chef der Fabrik akzeptieren, den Arbeitern Schadensersatz zu zahlen. So endete die Besetzung  am 9. Mai 1991. Diese Aktion ist ein Beispiel für einen Streik, bei dem es um Rechte der Arbeiter geht, z.B. Entschädigung zu erhalten, die ihnen zusteht.

 

Ich habe hier nur einige Beispiele der Streiks am Anfang der 90er Jahren erwähnt. Die türkische Arbeiterbewegung erlebte einen kurzfristigen Schwung in der zweiten Hälfte der 80er und am Anfang der 90er Jahren.

Im 1990 waren die Zahl der Streiks 458 und die Zahl der beteiligten 166.306

Im 1991 waren die Zahl der Streiks 398 und die Zahl der beteiligten 164.968

Ein Jahr später, im Jahr 1992 waren die Zahlen 98 und 62.189

Nach fünf Jahren, im Jahr 1997 waren die Zahlen 37 und 7045.

Im Jahr 2004 waren die Zahlen noch niedriger: 30 und 3557.

 

Also zur Zeit die Arbeiterbewegung konfrontiert sich mit dem Problem der Reorganisierung

Ich benenne nur einige Gründe warum die türkische Arbeiterbewegung schwächer geworden ist:

 

-         Als erstes kann ich die Privatisierungswelle nennen: Zahlreiche staatliche Betriebe wurden privatisiert. An den neuen Betrieben beschäftigen sich wenige Arbeiter und sie sind meistens keine Gewerkschaftsmitglieder.

Ich nenne ein Beispiel: Die Gewerkschaft Tez Koop-İş, ähnlich wie ver.di in Deutschland, versucht bei den großen Einzelhandelsketten ausländischer Unternehmen wie Metro, Praktiker, Real, Carrefour Strukturen aufzubauen, was aber noch nicht gänzlich gelungen ist. Die ausländischen Unternehmen haben  -nicht nur im großen Einzelhandelsketten-  eine ablehnende Haltung  gegen die Gewerkschaften.

- Nach 12. September 1980 wurden die Gesetze über die gewerkschaftliche Tätigkeit geändert. Tariffähigkeit in den Betrieben wurde deutlich erschwert. Nicht nur im privaten, auch im öffentlichen Sektor zunehmend die Tendenz, sich gegen die Anerkennung der Gewerkschaften zu stellen und Gewerkschaften als Verhandlungspartner abzulehnen.  In vielen Provinzen versuchen die Gouverneure, die zugleich regionale öffentliche Arbeitgeber sind, unter den neu eingestellten Beschäftigten eine gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern.

-         Zum Organisationsgrad: Es gibt in der Türkei keine verlässlichen Angaben über die Gesamtzahl der Beschäftigten und die Gesamtzahl zum Organisationsgrad. Nach Schätzungen beläuft es sich auf ungefähr 10 bis 11 Prozent. Am Angang der 90er Jahren war die Anzahl der gewerkschaftlich Organisierten deutlich höher. Die Privatisierungswelle wurde fast die Hälfte der Organisierten aus den Gewerkschaften  gedrängt.

 

Zum Ende können wir sagen, dass die Kriese der Gewerkschaften in der Türkei nur überwunden werden kann, wenn die Gewerkschaften nicht mehr die Lohnverhandlungen als die Gewerkschaftspolitik darstellen, sondern sich wieder als Arbeiterinnen organisationen begreifen, d.h. die grundlegenden Interessen der arbeitenden Menschen in den Vordergrund zu stellen.

 
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